Der Reiz des Ungewissen

Von Tünde Kirstein

«Tentative» – also unverbindlich, versuchsweise – liest man in einer Interviewzusage nur ungern. Aber Startup-Unternehmer sind bekanntlich viel beschäftigt. Und vielleicht gehört eine Portion prickelnde Ungewissheit zur Startup-Philosophie dazu. Aber in dem Fall von Carlo Centonze, CEO von HeiQ, ist der Grund für die vage Terminvereinbarung ein anderer.

Trotz Unverbindlichkeit taucht Carlo Centonze, Jahrgang 1974, erfreulicherweise doch am abgemachten Treffpunkt auf und lotst uns mit grossen Schritten durch Zürichs Gassen zu einer Bar, «wo es einen ordentlichen Espresso gibt». Da kommt unverkennbar der Tessiner in ihm durch. Neben der Liebe zu gutem Espresso hat er, da er «in einem Bergkanton gross geworden» ist, eine grosse Verbundenheit zur Natur. Wie sehr ihm Umweltthemen am Herzen liegen, zeigte sich bereits 2002, als er sich bei der Klimaschutzstiftung myclimate als Mitgründer engagierte. Da die langwierigen Konsensfindungen einer NGO nicht seiner Vollgas-Mentalität entsprachen, suchte er bald nach neuen, noch dynamischeren Betätigungsfeldern. 2003 lernte er den Australier Murray Height, Jahrgang 1975, kennen, der gerade am MIT in Boston seinen Doktortitel als Chemischer Ingenieur geholt hatte und nun an die ETH kam. Ein Glücksfall, denn sie waren «komplementär», Height eher wissenschaftsorientiert, Centonze eher businessorientiert – die perfekten Voraussetzungen für ein Startup. Nur zwei Jahre später wagten die beiden Freunde das Abenteuer und gründeten die Firma HeiQ Materials AG. Ihre Idee bestand darin, Silberpartikel, die Height an der ETH mittels Flammsprühpyrolyse hergestellt hatte, in eine textilkompatible chemische Formulierung zu bringen. Auf Textilien aufgebracht sollte das Silber Bakterien das Leben schwer machen und Geruchsbildung verhindern. Zu der Zeit gab es zwar schon einige wenige Firmen, die silberhaltige Textilien anboten, aber Centonze und Height waren überzeugt, mit den Nanopartikeln das bessere Material zu haben. Allerdings hatten sie keine Ahnung, wie die Textilbranche funktioniert. «In der Textilindustrie gibt es, wie bei allen alten Industriezweigen, in Stein gemeisselte Regeln. Und wir wussten noch nicht einmal, was Farbechtheit oder Pilling ist.»
Es war wie David gegen Goliath, als die beiden Jungunternehmer den Kampf mit riesigen Chemiekonzernen wie BASF oder Clariant aufnahmen. Doch neben der neuen Technologie hatten sie auch ein ausgefuchstes Geschäftsmodell. Anstatt mit den Abnehmern ihrer Produkte, also den Textilproduzenten, zu reden, gingen sie ans Ende der Wertschöpfungskette direkt zu den grossen Sportswear-Marken. «Vorverpackte Marketing-Story» lautet das Zauberwort. Der Kunde muss sich um nichts mehr kümmern und bekommt ein Komplettpaket: Technologie inklusive Innovationsgeschichte. Auch die Anekdote, wie Centonze und Height ursprünglich auf die Idee gekommen sind, sich mit Geruch auf Textilien zu beschäftigen, ist marketingtechnisch eine perfekte Story: Nach einer Woche Trekking in den Schweizer Alpen gingen die weiblichen Teilnehmer ihrer Wandergruppe auf Distanz, weil die T-Shirts der Herren nicht mehr so lieblich dufteten. Ein durchaus einleuchtender Anreiz für eine Innovation. Aber natürlich steckt noch viel mehr hinter dem Traum, eine Firma zu gründen. Carlo Centonze stammt aus einer Familie, in der seit sechs Generationen alle Unternehmer sind. Er hat versucht, sich dagegen zu wehren. Darum begann er zuerst ein Biologie-Studium und wollte Wissenschaftler werden. Aber seine schöpferische Ungeduld kam ihm wieder in die Quere. So wechselte er zum Forstingenieurstudium. Das war konkreter und technischer und es ging auch um Betriebsführung. Das gefiel ihm und seinem Vater, dem Unternehmer, auch.
Die Pläne für die HeiQ-Firmengründung fanden dagegen zu Hause wenig Zuspruch. «Das klappt nie. Das ist zu schwierig. Mach das nicht», waren die Worte von Vater Centonze, aber der Jungspund hörte nicht auf ihn. «Ich scheue mich nie, Risiken einzugehen und versuche immer, einen Weg zu finden, wo es anscheinend keinen Weg gibt.» Unbekanntes zu erkunden, ist für ihn der grösste Reiz. Und warum gerade Textilchemie? Wie passt das zusammen mit Umweltanliegen? «Heute gibt es nichts, was nicht mit Chemie zu tun hat», sagt Centonze. Das betrifft auch die vielen Millionen Tonnen Textilien, die Jahr für Jahr auf der Welt produziert werden. Sein Ziel ist es, saubere Chemie herzustellen, die nachhaltig, korrekt appliziert und langlebig ist. Ein Aspekt ist das Waschen. Je weniger ein Textil dank der HeiQ-Pure-Technologie riecht, desto weniger oft muss es gewaschen werden. Männer, die ihre getragene Sportkleidung auch mal in der Tasche liegen lassen, anstatt sie gleich zu waschen, sind ökologisch gesehen Vorreiter. Ein weiteres Beispiel sind wasserabweisende Textilien. HeiQ hat die sogenannte Barrier-ECO-Technologie entwickelt, die ohne umweltbedenkliche Fluorverbindungen auskommt.
Die Philosophie von HeiQ scheint aufzugehen. Aber ein Zuckerschlecken waren die ersten Jahre trotzdem nicht. Zweimal in der zehnjährigen Geschichte war die Firma fast pleite. «Man muss als Startup-Unternehmer alle Brücken hinter sich abbrechen», formuliert er recht dramatisch sein Credo, «denn wenn man sich noch eine Hintertür zum Rückzug offen lässt, dann benutzt man sie im Krisenfall auch». Nicht Centonze und Height. Sie haben alles bis zum letzten Rappen in die Firma gesteckt. Dadurch waren sie Investoren gegenüber glaubwürdig. Auch von staatlicher Seite haben sie Unterstützung gewinnen können. Die Wirtschaftsförderung des Kantons Aargau hat dem Startup eine Millionen Schweizer Franken Forschungsgelder zur Verfügung gestellt und zwar nicht – wie etwa bei der KTI üblich – an die Forschungspartner ausgezahlt, sondern an das Unternehmen. So konnte das Startup selber steuern, wie und für welche Forschungspartner das Geld eingesetzt wird. Das war ein enormer Push für HeiQ. «Unser Feedback an die Startup-Förderer ist angekommen. Heute ist die Startup-Szene in der Schweiz erheblich besser als noch vor zehn Jahren», lobt Carlo.
Entscheidend für den Erfolg war der Aufbau eines schlagkräftigen, mittlerweile 30-köpfigen Teams in Bad Zurzach. Ganz ohne Verluste ging auch das nicht über die Bühne. «Wir haben in unserer zehnjährigen Firmengeschichte mittlerweile fast 60 Ex-Mitarbeiter und Praktikanten.» Genau zur richtigen Zeit wurde mit Oilguard ein Produkt zum Schutz der Küsten vor Ölverschmutzung lanciert. Spätestens als diese Innovation mit dem Swiss Technology Award ausgezeichnet wurde, war HeiQ medial in aller Munde. Unter einem richtigen Durchbruch stellt sich Centonze jedoch noch etwas mehr vor. Zusammen mit seinem CTO Height und dem Team möchte er die Technologien von HeiQ so in den Köpfen der Konsumenten verankern, wie es vor 20 Jahren Gore-Tex geschafft hat. Gar nicht gelassen schaut der CEO dann auf sein Handy, das mit einem Grillenzirpen auf sich aufmerksam macht. Herzklopfen bereitet ihm aber diesmal nicht die Firma, sondern die Geburt seines zweiten Kindes, die unmittelbar bevor steht. Darum also die unsichere Terminzusage. Beruhigend, dass offensichtlich ein privates Leben neben dem Startup möglich ist.

Publikation:

The lure of the unknown, in The Success Formula for Start-ups, NZZ Libro (2015)
Download PDF